Sonntag, 13.08.2006
Ist es doch das Wasser?
Der junge libanesische Kollege um 1960 herum, von dem ich mal gesprochen habe, sah sich eine Deutschlandkarte an und sagte: "So many rivers - a rich country!". Ich war total platt. Ich hatte noch nie Wasser mit Reichtum in Verbindung gebracht.
Wir Mitteleuropäer wissen gar nicht, was wir haben.
Im Israel-Palestine-Blog fand ich eine heftige Diskussion über die Frage, ob es Israel gar nicht so sehr um die Hisbollah, sondern um das Wasser des Litani geht; die Palästinenser in den Kommentaren sind dieser Meinung, die Israelis bestreiten es. Aufgehängt war das an einem Artikel in der Los Angeles Times - so weit muss man gehen!
Da erst fiel mir auf, dass in unserer Presse das Thema "Wasser" im Zusammenhang mit diesem Krieg überhaupt nicht erwähnt wird. Ich habe gegoogelt und fand ein paar ausführliche Artikel, die aber tatsächlich einige Jahre alt sind. Der einzige von 2006 ist vom Deutschlandfunk, sehr informativ, der auch positive Möglichkeiten aufzeigt.
Aus den verschiedenen Artikeln habe ich gelernt,
dass bereits 1919 Chaim Weitzmann an den britischen Premierminister schrieb, dass aus Gründen der Wasserversorgung eine Heimstatt der Juden in Palästina den Litani einschließen müsse, dass dies von Ben Gurion 1940 wiederholt wurde, und dass aus dem selben Grund Moshe Dayan in den 50er Jahren die Besetzung des libanesischen Gebietes bis zum Litani vorsah ( LA Times );
dass die UNO-Resolution vom 29.11.1947 zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat mit keinem Wort auf die Wasserfrage einging, und Israel 1948 zwar die größte Fläche des Gebietes, aber nicht die wichtigsten Wasserzuflüsse hatte ;
dass die Folge eine sich bis 1967 hinziehende Wasserkrise war: der von den USA ausgearbeitete Johnston-Plan zu einer vertraglichen Regelung der Wassernutzung durch die Jordan-Anrainerstaaten wurde nicht angenommen. Israel baute seine riesige Wasserleitung zur Entnahme von Wasser aus dem See Genezareth; Syrien, Israel und Libanon begannen ein Projekt zur Umleitung von Jordan-Zuflüssen, Israel bombardierte die Baustelle, womit das Projekt beendet war;
dass der Landgewinn durch den Sechs-Tage-Krieg 1967 (Westbank, Golan-Höhen, Gaza-Streifen) Israel die Kontrolle über alle Grundwasserspeicher westlich des Jordans, das Jordanbecken und den Zugang zum Jordan-Jufluss Yarmuk einbrachte ( Klaus Polkehn );
dass Israel den Palästinensern das Wasser äußerst knapp und teilweise willkürlich zuteilt, dabei zu einem Preis, der ein vielfaches des von den israelischen Siedlern verlangten Preis beträgt, und ihnen den Bau von Brunnen verbietet bzw. nur bis zu einer viel geringeren Tiefe als den Israelis erlaubt ( Attac Hamburg )
dass der "Sicherheitszaun" zur Westbank so zu verlaufen scheint, dass den Palästinensern der Zugang zum Grundwasser möglichst verwehrt ist. Der entsprechende Artikel ( Naica-Loebell ) wurde allerdings verfasst, als der Zaun erst in Planung war; ich bin also nicht sicher, ob das heute noch stimmt;
dass Israel seit kurzem von der Türkei Wasser geliefert bekommt; zur Zeit in Großtankern, aber eine Pipeline sei geplant (Süddeutsche Zeitung 8.1.2004) ;
dass im letzten Jahr mit der Entsalzung von Meerwasser zur Trinkwasserversorgung begonnen wurde und in diese Technologie große Hoffnung gesetzt wird, das Wasserproblem in der Region zu lösen (Deutschlandfunk).
Letzteres wäre zu hoffen. Denn:
Wenn man diese Dings liest, wird einem der abgrundtiefe Hass verständlich, den nicht nur die Palästinenser, sondern alle umliegenden Länder gegen Israel haben. Denn:
Bei Bodenschätzen geht es um Reichtum oder Armut,
Bei Wasser geht es um Leben oder Tod.
Sie müssen sich über das Wasser verständigen, wenn dort Frieden einkehren soll.
Tags: Water, Wasser, Israel, Palestine, Palästina, Lebanon, Libanon, Jordan, Jordanien, Syria, Syrien, Peace, Frieden
von eule70 um # 18:53 in Krieg und Frieden
Kommentare
Mawaasesned am 14.08.2006 - 00:20
(Falls das ironisch geklungen haben sollte: nein nein, ich meinte das erst.)
Ich finde es immer wieder interessant, wie sich die Betrachtungsweisen verschiedener Völker unterscheiden. Man merkt das im Urlaub unmittelbar immer dann, wenn man ein einheimisches "Käseblättchen" liest und sich wundert, über was sich die Leute aufregen und über was nicht.
Beispiel aus meinem eigenen Urlaubsleben, schon etwas länger her, 1999: Jemen. Kleine Meldung unter Vermischtes: Mord mit dem Krumdolch im Kaufhaus. Große Meldung unter Vermischtes: Janet Jackson tritt auf. (Im Jemen war ihr Bild direkt unter dem Hals abgeschnitten. Bei uns war sie mit demselben Foto, aber viel Brust, angekündigt gewesen).
Ganz große Meldung auf Seite 1: "German Chancellor Top Pop Singer!" Damals war gerade Stefan Raab featuring Gerhard Schröder mit "Bring mir mal 'ne Flasche Bier" in den Charts.
Mir ist schon klar, dass die Frage nach den Hintergründen des Krieges Israel-Libanon etwas bedeutender ist als mein Beitrag hier. Ich wollte nur ein Beispiel bringen dafür, dass unser (vor allem mein) ganzes Unverständnis für die Situation dort wahrscheinlich das Ergebnis völlig anderer Betrachtungswinkel ist.
Israel und der große Freund Amerika, Libanon und die ganzen Freunde in Arabien, alle beide und der Rest der Welt, aller verhandeln wahrscheinlich völlig aneinander vorbei, weil keiner die Lage des anderen völlig versteht oder sich auch nur bemüht zu verstehen.
Ach ja. Bezüglich dieses Themas frustriert und überdies müde und keine Lust mehr habend, sich jetzt noch weiter damit zu beschäftigen, folglich eine gute Nacht wünschend,
Mawaasesned

